Neue Generation von Überschall-Flugzeugen mit erheblichen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit

2019.01.30

Ein Wiederaufleben der kommerziellen Überschall-Luftfahrt könnte in den kommenden Jahren auch in Europa zu erheblichen negativen Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen führen, sofern aktuelle Pläne von Startup-Unternehmen der US-Luftfahrtbranche sowie der Trump-Regierung weiterverfolgt werden.

Dies ist das Ergebnis einer neuen Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT). Die Wissenschaftler des ICCT untersuchten die Auswirkungen auf Lärm und Kohlendioxid (CO2), die bei Inbetriebnahme von 2.000 kommerziellen Überschall-Transportflugzeugen bis 2035 erwartet werden. Eine solche Zahl neuer Überschall-Flugzeuge ist das erklärte Ziel eines der Startup-Unternehmen.

Eine Flotte von 2.000 Überschall-Flugzeugen würde pro Tag in etwa 5.000 Flugbewegungen an 160 Flughäfen, vor allem in Europa, Nordamerika, im Nahen Osten, Asien sowie in Australien und Neuseeland entsprechen. Die Auswirkungen, in Form von Lärm- sowie Schadstoff- und Treibhausgasemissionen wären deutlich spürbar.

Die am meisten betroffenen Regionen, darunter Deutschland, der Irak, Irland, Israel, Kanada, Rumänien, die Türkei und Teile der USA, wären zwischen 150 bis 200 Mal pro Tag einem Überschall-Knall ausgesetzt. Dies entspricht, für einen durchschnittlichen 16-Stunden-Flugtag, im Durchschnitt bis zu einem Überschall-Knall alle fünf Minuten. Belastungen durch Fluglärm können zu Schlafstörungen, Lernstörungen bei Kindern, Herzproblemen sowie psychischen Leiden führen.

Die beiden am häufigsten frequentierten Flughäfen, Dubai International und London Heathrow, hätten mehr als 300 Überschall-Flugbewegungen pro Tag zu verzeichnen. An anderen Flughäfen, darunter Los Angeles, Singapur, San Francisco, New York-JFK, Frankfurt und Bangkok, fänden täglich Starts und Landungen von 100 oder mehr Überschall-Flugzeugen statt. Die Lärmbelastungen durch Überschall-Flugzeuge wären dabei deutlich großflächiger als dies bei konventionellen Flugzeugen vergleichbarer Größe der Fall ist.

Laut den Berechnungen des ICCT würden 2.000 Überschall-Flugzeuge jährlich in etwa 96 Millionen Tonnen CO2 emittieren. Dies entspricht der dreifachen Menge an CO2, welche die Lufthansa Group pro Jahr emittiert (Stand: 2017). Diese deutlichen Mehremissionen sind unter anderem darauf zurückzuführen, dass ein Überschall-Flugzeug etwa das Fünf- bis Siebenfache an Kraftstoff pro Passagier benötigt als ein konventionelles Flugzeug. In der Summe gehen die ICCT-Forscher von zusätzlichen 1,6 bis 2,4 Gigatonnen an CO2 über eine 25-jährige Nutzungsdauer der Flugzeuge aus.

"Die gegenwärtigen Verkaufsziele für Überschall-Flugzeuge, zusammen mit politischen Bestrebungen, bestehende Überflugverbote für Überschall-Flugzeuge aufzuheben, könnten erhebliche negative Umweltauswirkungen nach sich ziehen", kommentiert Dr. Dan Rutherford, leitender Autor der ICCT-Studie. "Vor einer Weiterentwicklung von Überschall-Flugzeugen sollten die Hersteller sich zunächst zur Einhaltung der bereits existierenden Standards für konventionelle Flugzeuge sowie zu weitergehenden Lärmschutzmaßnahmen verpflichten."

Derzeit arbeiten drei US-amerikanische Startups an neuen Überschall-Flugzeugen, darunter auch an einem kommerziellen Jet mit 55 Sitzplätzen. Seit dem Jahr 2016 lobbyieren die Befürworter von Überschall-Flügen für eine Aufhebung des Überflugverbots in den USA, gegen den Widerstand von Umwelt- und Gesundheitsgruppen. Momentan gelten für Überschall-Flugzeuge - anders als für konventionelle Flugzeuge - praktisch keine Umweltstandards. Die Regierung Trump verteidigt die wenig anspruchsvollen Vorgaben für Überschall-Flugzeuge und befindet sich aktuell im Streit mit europäischen Regierungsvertretern hinsichtlich der zu erwartenden Lärmauswirkungen.

Vom 4. Februar an werden sich in Montreal Behördenvertreter aus der ganzen Welt treffen, um zu entscheiden, ob bereits geltende technische Standards auch für Überschall-Flugzeuge anzuwenden sind, oder ob stattdessen neue, weniger anspruchsvollere Standards speziell für Überschall-Flugzeuge entwickelt werden sollen. Damit dürften neue Überschall-Flugzeuge mehr Lärm, Schadstoffe und Treibhausgase emittieren, als vergleichbare konventionelle Flugzeuge. "Die Hersteller planen, bis zum Jahr 2035 knapp 2.000 neue Überschall-Flugzeuge zu verkaufen," sagt Dr. Brandon Graver, einer der Autoren der ICCT-Studie. "Die Umweltauswirkungen dieser Überschall-Flugzeuge werden maßgeblich davon bestimmt, welche Sicherheitsmaßnahmen von Seiten der Regierungen beschlossen werden, um Schäden für die Anwohner und die gesamte Bevölkerung zu minimieren."

Die Treibhausgasemissionen, wie auch die Schadstoffemissionen der kommerziellen Luftfahrt steigen stark an. Wäre der globale Luftverkehr ein Land, so wären seine CO2-Emissionen höher als die Deutschlands (Stand: 2015). Die CO2-Emissionen des globalen Luftverkehrs erreichten im Jahr 2017 mit 859 Millionen Tonnen einen absoluten Höchststand, 10% höher als noch im Jahr 2015.

Details zur Publikation:

Noise and climate impacts of an unconstrained commercial supersonic network

Autoren: Dan Rutherford, Brandon Graver, und Chen Chen
Download: www.theicct.org/publications/noise-climate-impacts-unconstrained-supersonics

Ansprechpartner:

Dr. Dan Rutherford
Programmdirektor Luftfahrt
595 Market Street, 94105 San Francisco
Tel.: +1 (650) 336-3536
Email: dan@theicct.org

Dr. Peter Mock
Geschäftsführer Europe
Neue Promenade 6, 10178 Berlin
Tel.: +49 (30) 847129-102
Email: peter@theicct.org

Super sonic booms in Europe 2035
Abbildung 1. Erwartete Anzahl Überschall-Knalle pro Tag in Europa im Jahr 2035
Super Sonic booms in North America 2035
Abbildung 2. Erwartete Anzahl Überschall-Knalls pro Tag in Nordamerika im Jahr 2035

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Der International Council on Clean Transportation (ICCT) ist eine gemeinnützige und unabhängige Forschungsorganisation mit Schwerpunkt Fahrzeugtechnologien und deren Auswirkungen auf Luftqualität und Klima. Der wissenschaftliche Beirat des ICCT setzt sich zusammen aus Behördenvertretern und unabhängigen Verkehrsexperten der wichtigsten Fahrzeugmärkte weltweit. ICCT wurde 2005 gegründet und beschäftigt heute etwa 50 Mitarbeiter in verschiedenen Ländern. Seit 2012 ist die Organisation mit einem Büro in Berlin vertreten. ICCT wird finanziert durch private Stiftungen, darunter die Stiftung Mercator in Deutschland.

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